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Eine literarische Spurensuche

Wilhelmine Müller – eine literarische Spurensuche, die in Neipperg beginnt
von Helga El-Kothany
Zu ihren Lebzeiten ist Wilhelmine Müller geb. Maisch (1767–1807) sehr erfolgreich, wird zur meistveröffentlichten Lyrikerin in deutschsprachigen Almanachen, Taschenbüchern und Kalendern. Danach gerät sie lange in fast völlige Vergessenheit.
Umso lebendiger wird sie in der vergangenen Woche in einer literarischen Soiree als Teil des diesjährigen Veranstaltungsprogramms „Starke Frauen“ der Kulturregion HeilbronnerLand im Bürgersaal des Rathauses Brackenheim. Bürgermeister Thomas Csaszar ist erfreut, dass er neben der Referentin Dr. Giovanna-Beatrice Carlesso, Theodor-Heuss-Museum, Maximilian Merz, Deutsches Literaturarchiv Marbach, und Cellistin Felicitas Weissert, die den Abend musikalisch begleitet, auch sehr viele, an der „mutigen und selbstbewussten Frau“ interessierte Gäste begrüßen darf. Durch die Wiederentdeckung sei ihr Geburtsort Neipperg offiziell als Ort auf der Landkarte des Literaturlandes Baden-Württemberg markiert und Wilhelmine Müller als literarische Stimme ihrer Zeit gewürdigt.
Die in ärmliche Verhältnisse geborene Tochter des Pfarrers Michael Maisch muss sich die Teilnahme am Unterricht, den ihr Vater seinen Söhnen und bezahlenden Schülern erteilt, erkämpfen. Ihre Wissbegier gefällt ihm – geprägt vom Frauenbild seiner Zeit – jedoch gar nicht. Adam Friedrich Kirschs umfassendes Nachschlagewerk „Abundantissimum Cornu Copiae“ öffnet ihr das Tor zu einer faszinierenden Welt, führt sie ein in die griechische Mythologie. Schon früh übt sie sich im Schreiben, verewigt später ihren Geburtsort, den sie mit einem Paradies vergleicht, in einem Gedicht: „Sieh, in einem Winkel deutscher Gauen, zwischen Wäldern, Rebenhügeln, Auen …“
Als die Familie 1781 nach Adelshofen umzieht, trifft Wilhelmine dort den jungen Wilhelm Köster, einen literarisch ambitionierten Pfarrer, der ihr Talent erkennt und zu ihrem Mentor wird, der sie mit der neuen Literatur bekannt macht. Bald findet sie weitere Förderer wie Karl Philipp Conz, der ihr zur ersten Veröffentlichung eines Gedichts im „Musenalmanach fürs Jahr 1792“, herausgegeben von Dichter und Publizist Gotthold Stäudlin, verhilft, worin auch Friedrich Hölderlin mit vier Gedichten debütiert. In Wilhelmines Gedicht „Ahndung einer besseren Zukunft“ geht es ihr um die Bildungsgerechtigkeit für Frauen, die bei den Lesern auf große Resonanz stößt. Den „Umgang mit Leuten von Geist und Gefühl“ pflegt sie im Stuttgarter Dichterkreis, wo sie Unterstützung erfährt, auch in der Kunst des Schreibens, u.a. durch den Herausgeber von Taschenbüchern Christian Ludwig Neuffer, durch den sie auch Hölderlin kennenlernt.
1796 geht Wilhelmine für zwei Jahre als Gouvernante ins kaiserliche Wien in die Familie des Reichshofrats Johann Balthasar von Ockel, Freimaurer und Mitglied des Illuminatenordens, und erhält dadurch Zugang zur Wiener Dichterszene. Die Veröffentlichung ihres Lobgesangs auf Erzherzog Karl von Österreich steigert ihr Ansehen. Bis zum heutigen Tag befindet sich eine Lebendmaske Wilhelmines in der historischen Schädelsammlung des Arztes Franz Joseph Gall bei Wien - in illustrer Gesellschaft des Kopfabgusses z.B. von Goethe. Gall glaubte, von der Schädelform auf Charaktereigenschaften schließen zu können. Dank einer dreidimensionalen Gesichtsreproduktion auf Grundlage der Maske kann das Publikum in Brackenheim in einem kleinen Video sehen, wie attraktiv Wilhelmine ausgesehen haben könnte.
1798 kehrt sie als mittlerweile bekannte Dichterin zurück nach Adelshofen und lernt den Karlsruher Buchdrucker und Verleger Christian Friedrich Müller kennen, den sie am 1.1.1799 heiratet. Es ist eine glückliche Verbindung, von der beide Ehepartner profitieren. Ab 1802 gibt sie jährlich das „Taschenbuch für edle Weiber und Mädchen“ heraus. Von bösartigen Verrissen – eine selbstbewusste Frau ist nach wie vor vielen ein Dorn im Auge – lässt sie sich nicht entmutigen. Doch ihr Leben hat auch seine sehr düsteren Seiten. Keines ihrer drei Kinder bleibt am Leben. Auch sie erkrankt schwer. 1804 schreibt sie aus ihrer Kur an den Freund Gottlieb Pfeffel nun gelassen zurückblickend: „Ich stürzte kühn und mutig ins Gefechte und kämpfte tapfer für des Weibes Rechte …“
Sie stirbt am 12. Dezember 1807 an Typhus.
Mehr zu Wilhelmine Müller von Dr. G.B. Carlesso:
- Wilhelmine Müller in Neipperg (SPUREN 141) – Deutsche Schillergesellschaft Marbach
- Wilhelmine Müller: Gedichte, Verlag Carlesso
Text und Foto: Helga El-Kothany
