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Aktuelles

Artikel vom 01.12.2025

Ein Blick in die Zukunft – durch das Auge des Karikaturisten

Aneinandergereiht in Augenhöhe wie ein Fries laden zurzeit rund 50 sehenswerte Karikaturen ins Flüchttor ein. Karikaturen, die Namen tragen wie Horst Haitzinger, Karl-Heinz Schoenfeld, Reiner Schwalme, Grandville oder Dieter Hanitzsch. Karikaturen, die die vielen Betrachter, die am Dienstag zur Ausstellungseröffnung gekommen sind, zum Schmunzeln, zum Lachen – auch wenn es manchmal ein fast bitteres Lachen ist – und zu angeregten Gesprächen verleiten. Bei einem Bild, auf dem die beiden Haie Autokraten und Populisten das Fischlein Pressefreiheit annagen, kann man kaum schmunzeln. Auch nicht bei der Empfehlung beim Blick auf das Meer, nur noch blaue Plastiktüten zuzulassen.

Nach Reinhard Riegers musikalischem Auftakt mit einer von den Zeichnungen inspirierten Improvisation auf dem Saxofon eröffnet Bürgermeister Thomas Csaszar die Sonderausstellung des Theodor Heuss Museums „Die Welt neu denken – Karikatur trifft Zukunft“. Wegen Umbauarbeiten im Museum wird sie im Kunstverein gezeigt. Eine Ausstellung, die zeige, „wie Karikaturisten mit Humor, Ironie und wachem Blick die Herausforderungen unserer Zeit ins Bild setzen“. Der Kurator Helmut G. Schmidt – nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Bundeskanzler gleichen Namens – habe sich in den letzten Jahren auf Karikaturen spezialisiert. Die ausgewählten Exponate zeigten, wie Grafiker und Illustratoren auf gesellschaftliche, politische und technologische Entwicklungen reagierten und auf den Punkt brächten, was oft zu komplex erscheine. Dr. Giovanna-Beatrice Carlesso, Leiterin des Theodor Heuss Museums und erste Vorsitzende des Kunstvereins, geht in ihrem sehr fundierten Vortrag auf die Geschichte der Karikatur ein, mit der sich – und das mag die meisten Anwesenden erstaunt haben – schon Theodor Heuss beschäftigt hat. In seinem Aufsatz „Zur Ästhetik der Karikatur“, den er 1910 als 26-Jähriger veröffentlicht, schreibt er, sie sei ein Begleiter der Menschheits- und Völkerentwicklung. Damit, so Dr. Carlesso, habe er einen Grundlagentext geschaffen, der bis heute in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Genre zitiert werde.

Auch wenn es die Kunstform schon lange gibt, erhält sie ihren Namen in Deutschland erst im 18. Jahrhundert, abgeleitet vom italienischen Verb „caricare“ – beladen, überladen und damit sichtbar machen, im militärischen Sinn auch angreifen. Die bisherigen Begriffe Zerr- und Spottbild fließen in dem neuen Begriff zusammen.

Zentrales Merkmal der Karikatur ist die kritische Haltung, die durch Übertreibung, Ironie und Verfremdung den Betrachter aktiviert. Sie ist subjektiv, parteiisch, seit der Antike ein Mittel der Kritik, im Ersten Weltkrieg der Propaganda, im Dritten Reich des Hasses. Heute begegnet sie uns überall, kritisiert, geht ihrer Zeit voraus, wie man an vielen ausgestellten Zeichnungen sieht. Wird früher die Eisenbahn oder das Fahrrad – als etwas Neues, Unbekanntes – karikiert, ist es heute das Auto, das Klima, die künstliche Intelligenz. Heuss sieht den Karikaturisten als eine Art Prophet, der im Lächerlichen und Grotesken ein Zukunftsszenario erkennt. Probleme der Welt werden bereits in der Zukunft dargestellt.

Die Ausstellung ist donnerstags, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Die Finissage findet am 12. Dezember, um 17 Uhr, statt.

 

Text: Helga El-Kothany