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Mit der Strickmaschine zum Großkonzern
Beeindruckender Vortrag über die wechselvolle Geschichte der Firma Bleyle
von Helga El-Kothany
Die Besucherzahl am letzten Samstag im Bürgersaal des Rathauses ist rekordverdächtig! Dass das Thema „Bleyle“ immer noch sehr viele Interessierte anlockt, konnte man vermuten. Dass es dann aber so viele sind, darunter zahlreiche ehemalige Mitarbeiterinnen, Chefdirektrice und Betriebsratsvorsitzende des „schwäbischen Traditionsunternehmens“, wie Bürgermeister Thomas Csaszar es in seinem Grußwort bezeichnet, hat man wohl kaum erwartet.
Veranstalter des Vortrags über Aufstieg und Fall des Unternehmens Bleyle sind die Stadt Brackenheim und das Theodor-Heuss-Museum, dessen Leiterin Dr. Giovanna-Beatrice Carlesso auf eine Verbindung des ersten Bundespräsidenten zum Unternehmen hinweist. Er habe dem Gründer schwäbischen Gewerbegeist und Unternehmergeist bescheinigt. Seine Gattin Elly Heuss-Knapp konzipiert 1939 sogar einen Werbefilm für Bleyle-Kinderkleidung.
Die Firma Bleyle in der Maulbronner Straße gibt es schon lange nicht mehr. Doch das Unternehmen ist immer noch in Erinnerung – auch mit einer eigenen Ausstellung im Botenheimer Heimatmuseum - und mit ihm seine wechselvolle Geschichte aus schwäbischem Unternehmergeist, Wirtschaftswunder, Wirtschaftskrimi, Insolvenzen.
Den Beginn des Niedergangs hautnah miterlebt hat der renommierte Stuttgarter Rechtsanwalt Dr. Volker Grub, der 1987 zum Verwalter der ersten Insolvenz ernannt wird. Eine schwierige Aufgabe, die ihn jahrelang beschäftigt – und durch die sich der aktiv lebhafte 88-Jährige einigen ehemaligen Bleyle-Mitarbeiterinnen bis heute noch sehr verbunden fühlt. Dafür, dass er einmalig über die Geschichte referiere – mit einer Reihe von Bildern von Werbeplakaten, die bei vielen Zuhörern Erinnerungen wachrufen -, habe man „Überzeugungsarbeit“ leisten müssen, gesteht er humorvoll, und was er erzähle, sei keineswegs nur angenehm.
Die Erfolgsgeschichte des Gründers Wilhelm Bleyle beeindruckt. 1850 in ärmliche Verhältnisse in Feldkirch geboren, heiratet er die Untertürkheimer Wirtstochter Wilhelmine, wird Vater von sechs Kindern, und um diese ordentlich zu kleiden, kauft er eine Strickmaschine, mit der er Kinderkleidung fertigt. Eine Anschaffung, aus der sich eine geniale Geschäftsidee entwickelt. Wilhelm gründet 1889 in Stuttgart eine „Garnhandlung mit Fabrikation und Verkauf von gestrickten Waren“. Produziert werden Sportkleider und die bald berühmten Matrosenanzüge für Knaben, lange das Flaggschiff der schnell expandierenden Firma. Innerhalb eines Jahrzehnts wird sie zum größten Bekleidungsunternehmen Deutschlands. Produktionsstätten werden ins Stuttgarter Umland verlegt. 1903 gründet er auf der „grünen Wiese“ in Brackenheim einen Zweigbetrieb und baut ein Wohnhaus. „Das Zabergäu-Bähnle war entscheidend“, erklärt Dr. Grub. Dadurch sei der Warentransport gewährleistet gewesen.
Bleyles geradezu revolutionäre Geschäftsideen sollten wegweisend werden: atmungsaktive, „gesunde“ Strickkleidung, Maßgrößen für eine rationelle Fertigung, hohe Qualität, eine eigene Marke, einheitliche Preise von Fabrik und für Endverbraucher, ein Kleider-Reparaturservice und verlängerbare Ärmel und Hosenbeine bei der Kinderkleidung. „Die Kleider wuchsen mit.“ 1910 hat Bleyle bereits über 1000 Mitarbeiter. Vor seinem Tod 1915 wandelt Wilhelm Bleyle die Einzelfirma in eine offene Handelsfirma um. Seine Söhne Max und Fritz sowie sein Schwiegersohn Arthur Weber sind fortan persönlich haftende Gesellschafter. Die anderen Kinder werden an den Erträgen beteiligt.
Zwei Weltkriege, Inflation, unternehmerische und moralische Fehlentscheidungen, später die Konkurrenz durch Textilien aus Billiglohnländern tragen mit zum allmählichen Niedergang bei. Wilhelms Lieblingssohn Max, der oft in Brackenheim weilt und für seine Verdienste als wichtiger Arbeitgeber die Ehrenbürgerwürde des Ortes erhält, hinterzieht gemeinsam mit seinen Kompagnons Steuern durch Verlagerung von Geld in die Schweiz, investieren unter Decknamen in ausländische Wertpapiere. Ein Vergehen im Dritten Reich, wofür sie zu fünf Jahren Zuchthaus auf dem Hohen Asperg verurteilt werden. Dass nichts Schlimmeres passiert, sie sogar vorzeitig auf Bewährung freikommen, verdanken sie der Freundschaft des ältesten Bruders Willy zu Hermann Göring.
Vor ihrer Verurteilung verpachten sie dir Firma für 10 Jahre an die Prokuristen Adolf Mann und Erich Hummel, die kriegsbedingt die Produktion auf Rüstungsgüter umstellen. In Brackenheim werden statt Schlupfhosen nun Uniformen gefertigt. Ab 1940 produziert die Bleyle KG Filter für Motoren, nun unter dem Namen der beiden Pächter. Ein Unternehmen, das im Familienbesitz bis heute existiert, ein internationaler Konzern mit 22000 Mitarbeitern.
Bleyle kann noch einmal mit neuen hochmodischen Linien an die alten Erfolge anknüpfen, seit den 1960er Jahren in der dritten Generation. Man präsentiert unter dem Namen Bleyle einen neuen Look. Doch die komplizierte Struktur der Firma bereitet Probleme.
Als Insolvenzverwalter versucht Dr. Grub eine überlebensfähige Einheit zu schaffen und diese als Ganzes zu verkaufen. Er wirbt sogar mit einem eigenen Slogan: bleyle bleibt. Denn. „Wirtschaftlich war Bleyle total bankrott – aber die Marke war nicht tot.“ Die Bleyle Underwear GmbH in Brackenheim erzielt sogar noch Gewinne. Schließlich verkauft er 1987 die Firma an den jungen, innovativen Sindelfinger Textilunternehmer Achim Walz. Doch es folgen bald weitere Insolvenzverfahren unter anderen Verwaltern. 2016 ist auch in Brackenheim Schluss. Die Marke gibt es immer noch, sie wird in Lizenzen vergeben. „Aber die Jugend kennt sie nicht mehr.“
Text und Foto: Helga El-Kothany
