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Zum Tag des Baumes 2026
Sie zittert nicht nur, sie rauscht auch schön

von Helga El-Kothany
Und sie tanzt den Zitterpappel-Tango, wenn man dem Chor der kleinen Waldwichtel aus dem Waldkindergarten glauben kann. Das Publikum, das am Freitagvormittag bei strahlendem Sonnenschein zum Baumspazierpfad hinter dem Bürgerzentrum gekommen ist, “zittert” zum Tango jedenfalls gut gelaunt mit.
Einen Tag vor dem Internationalen Tag des Baumes am 25. April wird bereits zum 25. Mal auch in Brackenheim gemeinsam mit dem Theodor-Heuss-Museum ein Baum gepflanzt, in diesem Jahr die Zitterpappel, auch Espe genannt, der Baum des Jahres 2026.
Diese Tradition des Baumpflanzens sei hier “tief verwurzelt”, wie Bürgermeister Thomas Csaszar zweideutig humorvoll sagt, und klärt über die Verbindung des Tages zu Theodor Heuss auf. Dieser habe 1952 nicht nur das Protektorat über die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald übernommen, sondern habe im selben Jahr auch mit der Pflanzung eines Ahornbaumes im Bonner Hofgarten den Tag des Baumes ins Leben gerufen.
Die Liebe zum Wald liegt wohl in Heuss’ Familie mütterlicherseits begründet, einer Pfälzer Försterfamilie, in deren Wappen sich der Spruch “In silva salus” findet. “Im Wald liegt das Heil.”
Initiiert wird der Tag jedoch schon 1872 von dem Amerikaner Julius Sterling Morton, ein Tag, der, wie Thomas Csaszar ihn zitiert, im Gegensatz zu anderen Festtagen in die Zukunft weise.
Näher auf die Besonderheiten der Zitterpappel geht Revierförster Lukas Georgi ein. “Sie kann eigentlich alles.” Sie kann vor allem viel vertragen: Hitze, Kälte, Trockenheit, Nässe. Dazu wächst sie schnell, bis zu zwei Meter pro Jahr. Und während ihr Holz weich und leicht ist und sich hauptsächlich für Spanplatten eignet, ist sie ein wertvoller Pionierbaum, mit dem man schnell gestörte Flächen wieder bepflanzen kann. Ihr Schirm lässt viel Licht durch, sodass andere Bäume darunter wachsen können.
Auch ökologisch ist sie von großem Nutzen. Nicht nur dem Schillerfalter, sondern auch zahlreichen anderen Schmetterlingen dient sie als Nahrungsquelle, und in ihrem Stamm finden viele Vögel ihre Nisthöhlen.
Die Pappel zittert mit Sti(e)l
Zum Tag des Baumes gehört in Brackenheim nicht nur die Baumpflanzung, sondern auch der vom NABU Brackenheim organisierte Vortrag über den Baum des Jahres mit dem Biologen Dr. Helmut Netter, in diesem Jahr im Bürgersaal des Rathauses.
Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des NABU Adolf Monninger und einleitenden Worten von Dr. Giovanna-Beatrice Carlesso vom Theodor-Heuss-Museum, die den Zuhörern verrät, dass der ehemalige Bundespräsident einst eine unruhige Nacht verbrachte durch die laute “Musik” einer Pappelallee, betrachtet Dr. Helmut Netter in seinem illustrierten und sehr interessanten Vortrag die Zitterpappel unter verschiedensten Aspekten wie Biologie, Ökologie und Klimawandel.
“Sie ist eine Anpassungskünstlerin, eine Allrounderin”, extrem vielseitig und robust, trotz ihres schlanken Stammes und der eher lichten Krone. Sie ist ein Pionierbaum, ideal zur Besiedlung kahler Flächen, bis sie von den nachwachsenden Bäumen an den Rand gedrängt wird, denn sie braucht viel Licht und viel freien Raum um sich herum. Noch in 2000 Meter Höhe kann man sie antreffen.
Sie ist mittelgroß, 15 bis 25 Meter hoch, auch mal 35 Meter, und schnellwüchsig. Nach 60 Jahren ist ihr Wachstum abgeschlossen, und sie wird rund 100 Jahre alt.
Wie um viele Bäume ranken sich auch um die Zitterpappel Legenden, die natürlich erklären sollen, warum sie zittert. So soll sie sich als einziger Baum nicht vor Jesus verbeugt haben, als er durch einen Wald ging. Zur Strafe ist sie dazu verdammt, auf ewig zu zittern.
Auch in der Medizin spielt sie als Heilpflanze eine Rolle dank des sich in der Rinde befindenden Salicins, einer gut verträglichen, natürlichen Vorstufe der Acetylsalicylsäure, wirksam gegen eine Reihe Schmerzen.
Der Pappelflaum, also die Samenhaare der Pappelkätzchen, können als Beimischung z.B. zu Kamelhaar in Deckbetten verwendet werden. Sie sind ideal zur Regulierung von Feuchtigkeit und Wärme.
Die Zitterpappel ist ein Flachwurzler mit Wurzelausläufern von bis zu 40 Meter. Dadurch kann sie Oberflächenwasser effektiv nutzen. Durch ihr schnelles Wachstum erzeugt sich rasch ein Waldklima zum eigenen Schutz. Die Bodenoberfläche schützt sie durch ihr Wurzelwerk vor Erosion. Dadurch eingefasst und geschützt können sich Pflanzenteppiche entwickeln.
Vermehren kann sie sich vegetativ, also ungeschlechtlich über Wurzelschösslinge, die genetisch identische Klone bilden. Auch generativ – durch Windbestäubung – vermehrt sie sich. Dabei vereinen sich männliche und weibliche Geschlechtszellen.
Eines der Bilder zeigt einen Zitterpappelhain – in strahlend gelbem Herbstlaub – in Utah, der sich über viele Hektar erstreckt und nur aus einem einzigen Organismus besteht, also nur aus Klonen einer einzigen Mutterpflanze!
Und warum “zittert” die Pappel nun wirklich, wenn man die Jesus-Begegnung im Bereich der Legenden belässt? Ihre Blätter hängen an einem sehr langen, abgeflachten Stiel, der die Bewegung begünstigt – was sie weniger anfällig für Pilzkrankheiten macht, da die Sporen leichter verweht werden.
Texte und Fotos: Helga El-Kothany
